Artikel von Marion Kopmann Wir in der Presse

Rentenreform

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Das Rentenpaket der Regierung tritt in Kraft. Arbeitnehmer, die 45 Beitragsjahre vorweisen, können bereits mit 63 Jahren ohne Abschläge in Rente gehen. Das ist Unsinn.

Die Rente mit 63 Jahren ist Realität. Am 1. Juli beginnt die Umsetzung eines der Prestigeprojekte der Bundesregierung: der Frühverrentung von langjährigen Arbeitnehmern. Es ist das bisher teuerste Vorhaben der Großen Koalition, Experten beziffern die Kosten auf rund 10 Milliarden Euro – pro Jahr wohlgemerkt. Doch trotz der aberwitzigen Kosten und dem  massiven Fachkräftemangel, unter dem die Wirtschaft schon heute ächzt, sehen die Bundesbürger die Rente mit 63 mehrheitlich positiv – das zeigen aktuelle Umfragen. Drei von vier Deutschen finden das Projekt gut. Selbst die Jüngeren, die ja letztlich die Zeche zahlen müssen, stehen dahinter.

Ist also die Idee der Rente mit 63 trotz aller Kritik doch nicht so schlecht? Liegen die Experten mit ihren fast einhellig negativen Einschätzungen alle daneben?  Ich denke nicht. Unter Demografie-Fachleuten herrscht Einigkeit, dass dieses Konzept wirtschaftspolitisch gefährlicher Unsinn ist. Die Rente mit 63 ist ungerecht, skandalös und unbezahlbar.

- Ungerecht, weil in der jetzigen Form nur eine einzige Gruppe davon profitiert: Die meist männlichen Facharbeiter, die nach 45 Arbeitsjahren schon mit 63 statt wie bisher mit 65 ihre Rente erhalten. Im Gegenzug haben beispielsweise Frauen, die etwa als Pflegekräfte beschäftigt sind, in aller Regel keine Chance, diese lange Berufstätigkeit zu erreichen. Sie müssen, soweit möglich, länger arbeiten. Das ist höchst unsozial, weil diese Gruppe genauso Ziel einer Rentenreform sein müsste, die laut Regierung ja auf eine verbesserte Situation für gesundheitlich besonders fordernde Beschäftigungen abzielen soll.

- Ungerecht auch deswegen, weil nur eine – willkürlich? – definierte Gruppe in den Genuss dieser Regelung kommt, nämlich Personen, die vor 1953 geboren wurden. Erwartet werden etwa 200.000 Berechtigte je neuen Rentenjahrgang - davon drei Viertel Männer.

- Skandalös ist das Konzept zudem. Denn es wurde mit der politischen Mehrheit der großen Koalition im Eiltempo durchgeboxt, ohne dass eine Entscheidung von solcher Tragweite zuvor von Demographieexperten und anderen Fachleuten ausreichend hätte begutachtet werden können. Das zeigt nicht zuletzt die Tatsache, dass kurz vor Toresschluss noch schnell die so genannte „Flexi-Rente“ nachgeschoben wurde, eine Ergänzung, die zwar in die richtige Richtung geht, aber von Anfang an ins Fundament des Konzepts gehört hätte. Dass die Gruppe des Öffentlichen Dienstes komplett außen vor bleibt, und die Pensionen der Beamten und Abgeordneten erneut nicht angefasst werden, passt ins Bild.

- Unbezahlbar ist die Rente mit 63 bereits heute. Und das wird noch schlimmer. Die Alterspyramide spricht hier eine eindeutige Sprache. Seit 1972 sind die Geburtenraten rückläufig, rund 740.000 Babyboomer gehen jetzt jedes Jahr in Rente. Im Jahr 2020 werden zwei Drittel aller Führungskräfte über 50 Jahre alt sein. Mit anderen Worten: Die Waage neigt sich gefährlich in eine Richtung.

Der Keim einer Lösung


Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass die politische Weichenstellung, kaum dass Sie mit viel Tamtam verkündet worden ist, von der Realität, also pragmatisch denkenden Unternehmen und „Best Agers“ längst links überholt worden ist. Während die Bundesregierung ihr Konzept noch vorstellt, entscheiden sich immer mehr ältere Arbeitnehmer dazu, weiterzuarbeiten. Laut statistischem Bundesamt gehen aktuell bereits 800.000 Bundesbürger über 65 Jahre einer Arbeit nach. Die Steigerungsraten sind bei älteren Beschäftigten so rasant wie bei keiner anderen Bevölkerungsgruppe. Natürlich spielen dabei oft finanzielle Gründe, also die Aufbesserung der eigenen Finanzmittel, eine wichtige Rolle. Aber ganz generell entspricht es einfach nicht mehr dem Lebensgefühl vieler Rentner, von heute auf morgen einfach den „Griffel“ fallen zu lassen. Stattdessen suchen Sie nach passenden neuen Herausforderungen.

Hierin liegt auch der Keim der Lösung: Die Zahlen sind ein Symptom des gesellschaftlichen Umdenkprozesses, der bei vielen Unternehmen und älteren Arbeitnehmern längst begonnen hat aber in der Politik noch nicht angekommen ist. Wir müssen in punkto Arbeitsleben weg von den starren linealen Lebensentwürfen hin zu mehr modular aufgebauten, flexiblen Lösungen und Möglichkeiten.

Die Unternehmen setzen das bereits um und erkennen inzwischen das Potenzial älterer Arbeitnehmer. Diese verfügen über langjährige Erfahrung, sind krisenerprobt, kennen die „innenpolitischen Spielregeln“ und haben außerordentliches Fachwissen. Gute Buchhalter, Justiziare oder Ingenieure werden mehr denn je gebraucht. Diese Kompetenz sichert sich eine wachsende Zahl von Unternehmen, indem sie ältere Arbeitnehmer gezielt über spezielle Business-Netzwerke für erfahrene Fach- und Führungskräfte suchen und mit pragmatischen Lösungen wie Teilzeitarbeit, Projektverträgen und individuellen Konditionen locken. Das gilt es zu fördern und zu verstärken. Einerseits, indem man steuerliche Hindernisse abbaut, finanzielle Anreize schafft und die mageren Hinzuverdienstgrenzen für Rentner überdenkt. Andererseits müssen ältere Fachleute weiter gefördert werden, um sie fit für die technologischen Herausforderungen zu machen. Es ist doch ausgesprochen seltsam, dass Talentförderung überwiegend Ende 30 aufhört und man kaum Fortbildungen für Mitarbeiter ab 45 findet.

Letztlich gipfelt das alles in einer Forderung: Das Bild der älteren Menschen muss sich ändern – sozial wie wirtschaftspolitisch. Die Gesellschaft muss angesichts der demografischen Entwicklung schnellstens das Potenzial älterer Arbeitnehmer erkennen und ihnen durch flexible Rentenregelungen die Möglichkeit geben, sich wieder in den Arbeitsmarkt eingliedern zu können.

URL: http://www.wiwo.de/politik/deutschland/rentenreform-der-keim-einer-loesung/10132358-2.html